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Was tun an Silvester?

Jedes Jahr um Silvester häufen sich die Suchmeldungen, weil Tiere in Panik davongelaufen sind. Besorgte Halter fragen hundertfach, wie sie ihrem Vierbeiner über die Angst hinweghelfen können. Was könnt ihr tun, damit eure Tiere das große Knallen gut überstehen?

 

Sicherheit

Das Wichtigste ist zunächst, die Tiere zu sichern. Spätestens in der Silvesternacht muss die Katze drin bleiben. Vor allem solltest du deinen Hund gut sichern! Ein angeleinter Hund gehört ins Geschirr, und wenn dein Hund ängstlich oder schreckhaft ist, sollte er zusätzlich mit einem Halsband plus Leine gesichert werden. Nicht ableinen, und zwar auch an den Tagen vor und nach Silvester! Sobald Feuerwerk verkauft werden darf, lassen Kinder es auch tagsüber knallen, und das so lange nach Silvester, bis alle „Munition“ verschossen ist. Verlass dich nicht darauf, dass dein Hund "super hört" oder "schon nicht wegläuft" - der berühmte Satz "das hat er ja noch niiie gemacht!" kommt nicht von Ungefähr.

Suche Garten und Weiden am Neujahrstag nach Raketenresten ab und achte beim Hundespaziergang besonders auf Glasscherben!

Wie „funktioniert“ Angst? Eine stark vereinfachte Zusammenfassung

sylvesterAngst ist eine überlebenswichtige Reaktion auf mögliche Gefahr. Sie ist eine Emotion und damit nicht willentlich steuerbar. Sie entsteht im Zentralnervensystem, genauer im limbischen System. Der Thalamus „sortiert“ eingehende Informationen der Sinnesorgane sehr schnell (aber dafür vage) ein, denn bei Gefahr kann eine blitzschnelle Reaktion überlebenswichtig sein. Er gibt die Wahrnehmung rasch an die Amygdala weiter und langsamer an den Kortex. Die Amygdala beurteilt diese Information sehr schnell und löst bei möglicher Gefahr eine ganze Reihe körperlicher Reaktionen aus – sie verändert beispielsweise die Herzfrequenz, die Atmung, den Wasserhaushalt etc. Die Neurotransmitter (Neurohormone) Noradrenalin und Adrenalin werden freigesetzt, im zweiten Schritt dann Corticoide wie Cortisol.

All das soll das Überleben sichern, indem der Organismus auf Flucht oder Angriff vorbereitet wird. Je nach Art der wahrgenommenen Gefahr und den individuellen Erfahrungen kann das Tier aber auch vor Schreck erstarren (die berühmten „4f“: fight, flight, freeze, flirt).

In diesem Alarmzustand des Organismus wird jeder weitere unangenehme Reiz umso wahrscheinlicher als Gefahrensignal eingestuft. Und je länger dieser Zustand andauert, desto länger dauert es auch, bis die Stressreaktionen nachlassen, die Stresshormone abgebaut werden etc. Auch ein Hund, der nicht deutlich Angst zeigt, kann – für uns überraschend – plötzlich doch panisch reagieren. Das liegt an der Anhäufung von Stressoren, von denen jeder für sich noch kein großes Problem darstellen würde („Trigger Stacking“). Auf gut Deutsch – der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ist genauso groß wie alle anderen Tropfen vorher, aber das Fass ist jetzt eben voll … und das sieht man dem Hund „von außen“ nicht unbedingt an. Bis es dann plötzlich zu spät ist.

Deshalb: Bitte sichere deinen Hund, auch wenn er keine deutlichen Anzeichen von Angst zeigt! Der nächste Böller könnte einer zu viel sein, die nächste Hundebegegnung ihn endgültig überfordern.

Was ist nun gerade an Silvester so schlimm?

Die ersten „Trigger-Tropfen“ fallen schon Tage vor Silvester ins Fass. Es ist Weihnachten – wir bekommen Besuch, alles ist anders, vielleicht herrscht Trubel (oder es wird gar gestritten). Oder wir verreisen, übernachten in fremden Räumen, laufen durch eine fremde Umgebung. Tiere können es auch in der gewohnten Umgebung als sehr stressend empfinden, wenn sich der Tagesablauf plötzlich verändert, weil wir Urlaub haben. Genau wie alle anderen, so dass einem auch auf vertrauten Spazierwegen plötzlich Freizeitsportler und Hunde begegnen, die da noch nie waren.

Dann kommen die typischen Silvester-Geräusche dazu. Von dem Tag an, da Feuerwerk verkauft werden darf, knallt es ständig irgendwo. Stresshormone können gar nicht so schnell abgebaut werden, wie es schon wieder kracht, und siehe oben – jeder weitere Reiz wird umso stärker wahrgenommen. Ein Knall ist jetzt also nicht mehr ein Tröpfchen, sondern gleich fünf …

Obendrein ist die Gefahr für den Hund nicht zu orten. Gerade in der Stadt ist durch das vielfache Echo von den Häuserwänden der Ursprung des erschreckenden Geräuschs nicht auszumachen. Nicht zu wissen, woher Gefahr droht, fühlt sich schlimm an, weil das Nervensystem z.B. keine blitzschnelle Entscheidung darüber treffen kann, wohin die Flucht gehen sollte. Bei vielfachem Geknalle ist es damit sowieso vorbei, das Tier ist vollkommen hilflos ausgeliefert.

Auch zischende Geräusche sind ein natürliches, im Lauf der Evolution verankertes Warnsignal in dem Sinne, dass sie gar nicht erst durch Erfahrung mit unangenehmen Folgen verknüpft werden müssen, um Angst auszulösen. (Wie viele Menschen reagieren auf „klein, dunkel, haarig und huscht auf zu vielen Beinen vorbei“ schreckhaft, ohne je von einer Spinne attackiert worden zu sein?) Pfeifende Geräusche hören Hunde ganz besonders deutlich, daher verwendet man ja Pfeifen zur Signalgebung. Ein wahres Horrorkonzert! Hinzu kommt der Gestank nach Feuer und Schwefel, ebenfalls instinktive Gefahrenzeichen. Und dann noch die Menschen, die feiern, brüllen, tanzen, trinken und sich aus Hundesicht insgesamt sehr, sehr merkwürdig verhalten!

Angst ignorieren?

Oft hört man leider immer noch den Ratschlag, man solle die Angst des Hundes ignorieren, weil man ihn durch Trösten nur darin bestätigen würde. Das ist Unsinn! Angst ist eine Emotion. Durch angenehme oder unangenehme Konsequenzen wie Belohnung (Aufmerksamkeit) oder Strafe kann nur Verhalten beeinflusst werden, nicht aber Emotionen. Lass dich von solchen längst überholten „Ratschlägen“ nicht verunsichern.

„In der Verhaltensbiologie gibt es für das Phänomen des Tröstens einen Fachausdruck, Social Support! Das bedeutet "Soziale Unterstützung" und ist eines der Kriterien für kooperatives Verhalten in Gruppen. Menschen zeigen dieses Verhalten, aber auch viele andere Tiere, die in Gruppen leben, sind dazu fähig, geben und holen sich Social Support. Social Support bedeutet, Gruppenmitgliedern in stressenden Situationen durch körperliche Nähe und Zuwendung zu helfen. Körperliche Nähe und Zuwendung durch Bindungspartner senkt Blutdruck, Herzfrequenz und Spiegel der Stresshormone, und hilft, beängstigende Situationen besser zu bewältigen. Würde Social Support zu einer Verschlimmerung von Angstzuständen führen, hätte sich dieses sozio-positive Verhalten im Verlauf der Entwicklungsgeschichte nicht erhalten können! Keine Gruppe kann es brauchen, dass ihre Mitglieder immer ängstlicher werden.“
Dr. Ute Blaschke-Berthold
Den gesamten Text kannst du hier nachlesen:
https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=10150546279135987&id=176432610986

Natürlich kann man den Hund zusätzlich verunsichern, wenn man selbst ständig nervös zum Fenster läuft, ihn permanent besorgt anstarrt oder ihn auf eine Art zu trösten versucht, die er eigentlich nicht so mag, indem man sich über ihn beugt, ihm z. B. von oben den Kopf tätschelt oder auf den Brustkorb klopft, dass es ihn fast von den Pfoten fegt. Problematisch daran ist aber, dass der Hund diesen Reiz als unangenehm empfindet, und nicht die Zuwendung an sich!

Was kannst du tun?

Wenn der Hund noch keine Angst zeigt, rüste dich schon in den Tagen vor Silvester mit besonders tollen Leckerli aus und sorge dafür, dass der Hund die Knallerei bestenfalls positiv verknüpft. Wenn es sofort nach jedem Böller ein Leckerli gibt (oder das Lieblingsspielzeug fliegt), wird der Krach zur Ankündigung von angenehmen Dingen.

Kann der Hund kein Futter mehr nehmen oder interessiert sich nicht für Spielzeug, ist es dafür zu spät – es ist schon ein gewisses Maß an Angst aufgekommen. Dann kannst du versuchen, ihm mit vertrauten Übungen oder Tricks ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln – wenn er z. B. „Sitz“ hört, weiß er immerhin, was er jetzt tun sollte, er bekommt eine Handlungsmöglichkeit (und wird dafür natürlich toll belohnt). Wenn er ein erlerntes Verhalten jetzt nicht ausführen kann, ist er nicht etwa „ungehorsam“, sondern schon zu verängstigt!

Social Support bedeutet in erster Linie, körperliche Nähe und Zuwendung anzubieten. Wenn der Hund sich an dich drängt oder auf deinem Schoß sitzen möchte, wunderbar! Beobachte, ob er Berührungen – ruhiges Streicheln, Kraulen – in dieser Situation wohl angenehm findet (5-Sekunden-Regel). Ruf ihn, lock ihn zu dir. Verkriecht er sich zitternd unter dem Tisch, setz dich zu ihm, aber bedränge ihn nicht. Wenn er einen Rückzugsort wie eine Hundebox von sich aus aufsucht und sich darin ruhiger verhält, ist das großartig – bleib in seiner Nähe und nimm hin und wieder kurz Blickkontakt auf. Zeigt er aber Anzeichen von Angst (Zittern, Hecheln ...), setz dich zu ihm! Wenn er einen solchen Rückzugsort nicht hat, ist es sinnvoll, ihm einen anzubieten, etwa eine Hundebox mit weichem Kissen, in der man sich noch geschützter fühlen kann als unter dem Tisch. Sucht er Zuflucht im Bad oder einem anderen fensterlosen, etwas schallgeschützteren Raum, bleibe auch da bei ihm.

Nutze alle Mittel der konditionierten Entspannung! Wenn ihr ein Entspannungssignal habt, gib dem Hund das Signal und danach eine weitere Handlungsmöglichkeit bzw. Information. Liegt er z. B. schon bei dir und zittert, gib das Entspannungssignal („Easy“) und danach ein „fein Platz, prima“. Steht er schlotternd unter dem Tisch, sag euer Entspannungswort und dann ein „Hier“ oder „Touch“ (Handtouch). Kann er nicht darauf reagieren, bleib einfach weiter bei ihm. Nutze euren Entspannungsduft, beruhigende Musik/Hörbuch, gib ihm etwas zu Kauen oder zu Schlecken, mach isometrische Übungen mit ihm – alles, was bei euch mit Entspannung und Wohlfühlen verknüpft ist. Aber denk unbedingt daran, all das wieder gut aufzuladen, wenn der Spuk vorbei ist!

Es gibt noch andere Möglichkeiten, als sich zu Hause zu „verkriechen“ – manche Hundehalter verbringen diese lauten Tage auf Inseln, wo aus Umweltschutzgründen gar kein Feuerwerk abgebrannt werden darf. Ich kenne Menschen, die sich abends mit dem Hund ins Auto setzen und bis ein Uhr nachts die Autobahn auf und ab fahren, oder sich in einem Flughafenhotel einmieten, weil diese Gebäude sehr gut schallgedämmt sind und an Flughäfen natürlich keine Raketen steigen dürfen. Trotzdem würde ich natürlich, wenn der Hund Angst zeigt, fürs nächste Jahr systematisches Training auf den Plan setzen, mit dem du dem Hund wirklich helfen kannst. Wende dich an TrainerInnen beispielsweise des IBH oder des CumCane-Netzwerks, die ein spezielles Geräuschangst-Training anbieten.

Was kannst du unterstützend geben?

Futterzusätze: Pferden und Hunden kann man beruhigende Kräuter direkt verfüttern oder als Teeaufguss zum Futter geben, z. B. Hopfen, Lavendel (auch Blüten), Melisse oder Baldrian. Die Aminosäuren L-Theanin und L-Tryptophan mindern bei Hunden erwiesenermaßen Stressreaktionen und Angst. Unterstützend für das Nervensystem wirken außerdem die B-Vitamine, die man z. B. in Form von Bierhefe geben kann. Ich habe gute Erfahrungen mit Adaptil Tabletten (Ceva) gemacht, die eine Mischung aus Aminosäuren und B-Vitaminen enthalten. Für Hunde mit Geräuschangst habe ich mit den Experten von Succi recentis officinalis den Heldenmut-Saft entwickelt, den du in meinem Online-Shop findest (und dann haben wir gemerkt, dass der noch viel mehr kann). Ich berate dich gern dazu.

Ätherische Öle: Auch der Duft einiger Kräuter in Form ätherischer Öle kann auf Hunde und Pferde beruhigend wirken, z. B. Lavendel, Baldrian, Zitrone, Kamille oder Vetiver. Gib einen Tropfen des verdünnten Öls (etwa 1 Teil auf 10 Teile eines neutralen Öls, z. B. Mandelöl) auf ein Tuch und leg es in die Nähe des Hundes. Beobachte, ob er den Duft als angenehm empfindet, ehe du ihn dem Geruch länger aussetzt! Empfehlenswert: Die bereits richtig verdünnten Ölmischungen der "Easy Dogs Aromatherapie"-Serie und die „Pet Remedy“ Produkte.

DAP, kurz für Dog Appeasing Pheromone, ist die künstliche Nachbildung eines Pheromons (Botenstoff), das die Hündin nach der Geburt am Gesäuge absondert. Es wirkt bei vielen, auch erwachsenen Hunden beruhigend und entspannend. Leider nicht bei allen, das muss man ausprobieren. Es wird von Adaptil als Spray, Halsband oder Zerstäuber für die Steckdose angeboten. Das Spray ist deshalb empfehlenswert, weil es am flexibelsten ist – zum „Mitnehmen“ kann man es für den Hund auch auf ein Halstuch sprühen (vor dem Anziehen erst ein paar Minuten den Alkohol verfliegen lassen!). Das Pendant für Katzen wird unter der Bezeichnung „Feliway“ vertrieben.

Das Thundershirt hat sich bei Hunden mit Geräuschangst vielfach bewährt. Durch den leichten Druck auf den Körper wird unter anderem Oxytocin freigesetzt, das beruhigend und entspannend wirkt – Eltern kennen das Prinzip vielleicht vom „Pucksack“. Man sollte den Hund allerdings vorher an das Shirt gewöhnen, vor allem an die Klettverschlüsse, die beim Öffnen recht laut sind!

Der RelaxoDog wirkt beruhigend und entspannend auf Hunde. Am besten beginnst du bereits einige Wochen vor Silvester damit, ihn zu konditionieren, d.h. in diesem Fall mit Entspannung und Wohlfühlen zu verknüpfen. Lass das Gerät einfach immer mitlaufen, wenn ihr gemeinsam entspannt!

Auch mit Homöopathie und Bachblüten kann man Tiere bei Angstproblematik gut unterstützen! Bitte wende dich an deinen Tierheilpraktiker oder Tierarzt.

Bei sehr starken Angstzuständen sprich mit deinem Tierarzt, ob der Hund medikamentös unterstützt werden sollte. Aber Vorsicht: Nicht alle Tierärzte sind auf dem neuesten Stand, was Verhaltenstherapie angeht. Immer noch machen Hunde jedes Jahr die Hölle durch, weil ihre Besitzer in bester Absicht und nach tierärztlicher Verordnung Medikamente mit dem Wirkstoff Acepromazin einsetzen (Vetranquil, Sedalin, Calmivet ...). Gib das deinem Hund auf keinen Fall! Es ist inzwischen erwiesen, dass Acepromazin zwar das Tier lähmt, die Wahrnehmung aber nicht einschränkt und Geräuschempfindlichkeit sogar noch steigert. 

Ich wünsche euch einen friedlichen Jahreswechsel!

Katharina Volk

Literaturtipps

Heike Westedt Schreck lass nach! Der Einfluss von Stress und Angst auf Gehirn und Verhalten. Edition Cum Cane 2013, ISBN 978-3-940083-005 (auch bei clever&smart erhältlich)

Anders Hallgren Stress, Angst und Aggression bei Hunden: Vorbeugen und abbauen. Cadmos Verlag 2011, ISBN 978-3-840489-037

Links

Deutschland

Trainernetzwerk "Trainieren statt dominieren": http://www.trainieren-statt-dominieren.de/unterstuetzer

IBH – Internationaler Berufsverband der Hundetrainer: http://www.ibh-hundeschulen.de/hundeschulen/deutschland.html

CumCane-Netzwerk: http://www.cumcane.de

Schweiz

Netzwerk cumcane familiari: http://www.cumcane-familiari.ch/zert-trainer-innen-1/

Webinare (Online-Seminare) u.a. von Dr. Ute Blaschke-Berthold und Nicole Wilde zum Thema Angst: http://www.dog-ibox.com/index_default.php